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Volkstrauertag 2020


„Aus Liebe zu kommenden Generationen…“
Auf Grund der aktuellen Entwicklung der Corona-Pandemie haben sich die Bürgermeister im Landkreis Rottweil nach intensiver Diskussion darauf verständigt, dass auf öffentliche Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag verzichtet werden soll. Vor dieser Regelung und vor einer Verschärfung der Coronaverordnung fand im Rahmen des Gräberbesuches an Allerheiligen eine Gedenkveranstaltung für die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror auf dem Friedhof im Ortsteil Mariazell statt. Am Volkstrauertag wird am Gedenkmal auf dem Friedhof im Ortsteil Locherhof zum Gedenken der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror ein Kranz niedergelegt.
Bürgermeister Franz Moser erinnerte in seiner Gedenkrede bei der Veranstaltung am 1. November daran, dass sich dieses Jahr zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges, der Zusammenbruch des Dritten Reiches, das Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und die Befreiung vieler Konzentrationslager. jährten. Er erinnerte an die 60 und 70 Millionen Menschen, die durch diesen Krieg ihr Leben verloren haben, an die etwa 6 Millionen europäische Juden, die dem Rassenwahn zum Opfer fielen, an politisch Verfolgte, an Menschen mit Behinderungen und an Angehörige ethischer Minderheiten, die misshandelt und getötet wurden. Er erinnerte auch an die Familien, die durch den Krieg und den Nazi-Terror Ehemänner, Väter, Söhne und Geschwister verloren haben, an Kinder, die als „Kriegswaisen“ aufwachsen mussten und an viele Vertriebene und Flüchtlinge, die heute nicht mehr vollstellbare Verhältnisse erleben mussten.
Das so genannte Dritte Reich, die nationalsozialistische Terrorherrschaft, der Krieg und vor allem die Shoa stelle einen Bruch mit jeglicher Zivilisation, einen Bruch mit sämtlichen menschlichen Werten dar. Manche der Fragen, wie es so weit kommen konnte, so Bürgermeister Franz Moser, hätten heute leider wider Aktualität erlangt.  Insofern sei auch heute die Frage zu stellen: Wo stehe ich, wenn Unrecht geschieht, wenn Menschen ausgegrenzt werden, wenn grenzenlose Freiheit zu Lasten von Solidarität mit Schwächeren gefordert wird?
Bürgermeister Moser zitierte aus einer Rede des jüdischen Journalisten und Schriftstellers Elie Wiesel, der im Deutschen Bundestag gesagt hat: „Ich glaube nicht an Kollektivschuld; nur die Schuldigen sind schuldig; nur sie und ihre Komplizen. Nicht jene, die damals noch nicht waren, und schon gar nicht die Kinder.“, der aber diese Aussage ergänzt: „Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal. Das aber ist dann seine Last.“

Bürgermeister Moser verwies damit auf unsere Verantwortung für den Umgang mit unserer Geschichte und auf unsere Verantwortung für die daraus zu ziehenden Lehren - eine Lehre, die die Widerstandskämpfer der Weißen Rose in ihrem 4. Flugblatt bereits 1942 wie folgt formulierten:  
„Aus Liebe zu kommenden Generationen muss nach Beendigung des Krieges ein Exempel statuiert werden, daß niemand auch nur die geringste Lust je verspüren sollte, Ähnliches aufs neue zu versuchen.“
Bürgermeister Franz Moser erinnerte an die Wende, die unsere Geschichte im Jahr 1945 genommen hat und der wir 75 Jahre Frieden und wachsenden Wohlstand in unserem Land zu verdanken haben. Er erinnerte an deutsche Staatsmänner und –frauen, die aus ihrer teils leidvollen eigenen Erfahrung eines diktatorischen Unrechtsregimes den Grundstein für unsere Demokratie gelegt haben und damit den Grundstein dafür, dass unser Land zu einem geachteten Mitglied der Völkerfamilie geworden ist. Aus ihren Erfahrungen im Krieg oder auch als politische Gefangene in Arbeitserziehungslagern und Konzentrationslagern haben sie in unserem Grundgesetz die Demokratie, die Solidarität, den Rechtsstaat, die Toleranz oder auch die Liberalität verankert. Dessen eingedenk sei das unsägliche Biotop der Paradoxien, das wir derzeit erleben müssen unerträglich. Da sind diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen als das Ende der liberalen, offenen Gesellschaft. Und ausgerechnet sie schreien: „Diktatur!“. Da sind die, die schreiben und sagen können, was sie wollen, und dies nutzen, um ständig Zensur zu beklagen. Da sind die, die für sich Meinungsfreiheit beanspruchen, um mit Fake News und Stereotypen den Hass zu schüren, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu Sündenböcken abzustempeln und um ihnen Würde, Gesundheit und Leben zu rauben. Da sind die, die rücksichtslos bei Demonstrationen Freiheit fordern zu Lasten der Schwächeren oft auch im Schatten von Fahnen und anderen Zeichen, die in der Geschichte unseres Volkes für Unfreiheit, für Unrecht und für Staatsterror stehen.
Aus Liebe zu kommenden Generationen, wie es im Flugblatt der Weißen Rose heißt, sollte es uns nicht gleichgültig sein, wenn in unserem Land offensichtlich extreme Kräfte und deren Mitläufer zunehmend offen Werte wie Freiheit, Menschenwürde und Solidarität oder auch den Frieden mit Füßen treten.